Interview: Praxisnahe Wege zur digitalen Transformation

„Hier stimmt die Chemie“: Chem-Talk mit Peter Bartholomäus von Infraserv Wiesbaden

Peter Bartholomäus, Geschäftsleitungsvorsitzender Infraserv Wiesbaden (ISW)

Der Standortbetreiber und Industrieparkdienstleister Infraserv Wiesbaden (ISW) betreibt den 96 Hektar großen Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden. Susanne Woggon von chemieproduktion-online.de sprach mit dem Geschäftsleitungsvorsitzenden Peter Bartholomäus über seinen praxisnahen Weg für die Kunden hin zur digitalen Transformation und über ein spannendes Projekt, das durch Einsatz von künstlicher Intelligenz den konkreten Nutzen der Digitalisierung aufzeigt. Es geht bei dieser Transformation nicht zuletzt auch um die Bedeutung von vertrauensvoller Zusammenarbeit bei der wissenssensiblen, rezeptbasierten Chemikalienherstellung. Wie Infraserv Wiesbaden dies bewerkstelligt und für zuverlässige Datensicherheit sorgt, erfahren Sie in diesem Interview.

chemieproduktion-online.de: Wir hätten uns einen besseren Einstieg gewünscht, aber die Weltwirtschaft schwächelt gerade und die chemische Industrie in Deutschland ist rückläufig. Macht sich die aktuelle Situation im ISW-Tagesgeschäft bemerkbar?

Dem Industriepark als solches geht es hervorragend. Wir müssen aber zwischen kurz- und langfristigen Effekten unterscheiden. Kurzfristig nehmen die Sorgen am Standort zu. So haben wir bei einigen Unternehmen beobachtet, dass in den letzten Monaten hohe Lagerbestände aufgebaut wurden, weil offenbar der Abverkauf ins Stocken kam. Das brachte unsere Logistikkapazitäten ans Limit. Auch von Teilabschaltungen der Produktionsbetriebe war mitunter die Rede, aber das sehen wir aktuell nicht.

Hintergrund der Sorgen sind die allgemeinen Unsicherheiten, wie zum Beispiel durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China oder den Brexit. Wir haben hier sehr anlageintensive Industrien angesiedelt, die mit langen Abschreibungszeiten rechnen. Angesichts des politischen Umfelds gibt es momentan überall eine Scheu vor großen Investitionen. Auch unsere Kunden agieren deshalb momentan mit eher kurzfristigen Entscheidungshorizonten. Langfristig sind wir jedoch gut aufgestellt. Wir sind gerade dabei, unsere Strategie 2019-2025 zu überprüfen und bis 2030 zu verlängern. Diese Arbeit soll uns den Weg weisen, mit welchen Leistungen wir in zehn Jahren unsere Kunden zufriedenstellen und Geld verdienen können.

Mit der umfangreichen Modernisierung unseres Kraftwerks und dem Bau eines neuen Gefahrstofflagers haben wir zuletzt sehr große Investitionen in die Infrastruktur eingeleitet. Beide Projekte sind auch auf mehr Nachhaltigkeit ausgelegt und grundlegende Voraussetzungen, um unseren Kunden dauerhaft wettbewerbsfähige Standortbedingungen zu bieten. Eine kontinuierliche Aufgabe ist daneben die Optimierung der Flächennutzung, und mittelfristig verfolgen wir das Ziel eines Standortausbaus. Das alles gelingt nur, wenn permanent in Nachhaltigkeit und Infrastruktur investiert wird. Zusammengefasst machen wir uns langfristig keine Sorgen, aber kurzfristig ist das Geschäft sicherlich etwas schwieriger geworden.

chemieproduktion-online.de: Die Industrie steht gerade am Anfang eines massiven Veränderungsprozesses: der digitalen Transformation. Im Rahmen Ihrer Doppelfunktion erleben Sie die Bedürfnisse Ihrer Kunden sowie das Infraserv hauseigene Dienstleitungsangebot unmittelbar. Was hat sich - aus Ihrer Sicht - in den letzten Jahren in der Zusammenarbeit mit Ihren Kunden geändert?

Als industrieller Dienstleister haben wir den Digitalisierungstrend sehr früh erkannt und uns mit verschiedenen Initiativen auf das Thema vorbereitet – zum Beispiel durch die Etablierung eines „Innovation Lab“, das direkt auf dem Flur der Geschäftsleitung angesiedelt ist, und andere Kooperationsangebote für die Unternehmen am Standort. Dazu zählt der „Open Innovation Circle“: ein mehrmals jährlich stattfindendes Informations- und Austauschforum mit unseren Kunden und Partnern auf Ebene der Betriebsingenieure und Innovationsmanager. In der Chemieindustrie spielt die digitale Transformation aktuell noch eine überschaubare Rolle; das gilt vor allem für die vielen mittelständischen Betriebe. Auch einige unserer Kunden sind da noch eher in abwartender Haltung. Da reicht das Interesse manchmal nur bis zur Verbesserung von Prozessleitsystemen.

Aber bei der Digitalisierung geht es natürlich um mehr als optimierte Prozesssteuerungen. Wir wollen mittelfristig auch in die Lage kommen, die immensen Mengen an Rohdaten, die auf verschiedensten Ebenen der Wertschöpfung entstehen, klug auszuwerten. Ob auf Produkt-, Prozess-, Kunden- oder Vertriebsseite: aus solchen Datenanalysen lassen sich mit Hilfe künstlicher Intelligenz ganz neue, wertvolle Zusammenhänge ableiten. Vor allem im Bereich unserer ISW-Technik möchten wir mit unseren Kunden über solche Visionen sprechen. Zeitgleich geht es uns aber auch darum, mit innovativen kleinen Teillösungen erste praktikable Schritte in Richtung Industrie 4.0 aufzeigen. Ob Augmented Reality, digitale Auftragsabwicklung oder vorausschauende Instandhaltung:  mit solchen Angeboten möchten wir auch neugierig machen auf ein viel breiteres digitales Angebot, das allen Beteiligten zusätzliche technische und wirtschaftliche Chancen bieten kann.

Cloudbasierte IoT-Lösungen sind für uns hierbei ein sehr wichtiger Trend. Der Begriff Industrie 4.0 ist mittlerweile geläufig. Aber die systematische Auswertung von „Big Data“ steht häufig noch am Anfang. Hier können wir mit einem eigenen Rechenzentrum und schnellen, sicheren Netzen eine hervorragende Infrastruktur bieten. Wir laden unsere Kunden und Partner regelmäßig dazu ein, mit uns gemeinsam neue digitale Möglichkeiten zu entwickeln und gemeinsam die Lernkurven zu durchlaufen.

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