Neues GuD-Kraftwerk im Industriepark Wiesbaden besteht ersten „heißen Probebetrieb“

Erfolgreiches „Auskochen“ und „Ausblasen“ des ersten Abhitzekessels

Der Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden ist der zweitgrößte Industriepark in Hessen

Im Süden des Wiesbadener Industrieparks Kalle-Albert entsteht unter Leitung des Industriepark-Betreibers Infraserv Wiesbaden (ISW) ein hocheffizienter Gas- und Dampf-Kraftwerkskomplex (GuD). Die Baumaßnahme folgt einem sportlichen Zeitplan, dessen wesentliche Eckdaten bislang, trotz Pandemiesituation, eingehalten werden konnten. Die Baugenehmigung wurde erst im Juli 2019 erteilt, die Grundsteinlegung war im darauffolgenden September (chemieproduktion-online.de berichtete). Die planmäßige volle Inbetriebnahme des GuD-Kraftwerks ist bereits für Mitte 2021 vorgesehen.

Zuletzt wurde mit dem ersten „heißen Probetrieb“ einer der beiden neuen Gasturbinen-Kessel-Kombinationen ein wichtiger Meilenstein erreicht. Die beiden neuen Abhitzekessel sind im neuen, 36 Meter hohen Kesselhaus untergebracht, für das insgesamt 800 Tonnen Stahl verbaut worden sind. Ein Kessel besteht aus zehn großen Elementen und bringt mitsamt Anschlussmodulen rund 250 Tonnen auf die Waage. Oben auf den Kesselelementen stehen Kamine, deren obere Enden eine Höhe von 60 Metern erreichen. Sie haben einen Außendurchmesser von 2,45 Metern und kommen auf ein Einzelgewicht von mehr als 14 Tonnen. An die riesigen Abhitzekessel angeflanscht sind hochmoderne Gasturbinen mit Stromgeneratoren. Platziert sind sie in den Turbinenhäusern südlich und nördlich des Kesselhauses. Ein einzelnes Turbinen-Generator-Paket wiegt 125 Tonnen, eine Gasturbine ist 12,5 Meter lang. Die beiden neuen Gasturbinen-Kessel-Kombinationen sorgen für einen Leistungsausbau des Kraftwerkskomplexes von aktuell 32 Megawatt (MW) auf zukünftig 78 MW.

Beim ersten „heißen Probetrieb“ ging es darum, die neue und pünktlich fertiggestellte ESWE-Gashochdruckleitung erstmals zur Anfeuerung zentraler Kraftwerkskomponenten zu nutzen. Explizit wurde das sogenannte „Auskochen“ und „Ausblasen“ des ersten Abhitzekessels absolviert. Gemeint ist damit ein Reinigungsprozess, um Verschmutzungen, bspw. infolge von Schweiß- oder Montagearbeiten, aus dem Kesselsystem abzuführen. Hierfür wurde nach dem Anfeuern das Kesselwasser zum Kochen gebracht und mehrfach ausgetauscht („Auskochen“). Das anschließende „Ausblasen“ diente dazu, auch feinste Partikel aus den Kesselelementen und Leitungen zu entfernen. Hierfür wurde der Abhitzekessel auf Druck gefahren und der Dampf über eine Rohrleitung ins Freie abgeblasen. Um die Geräuschentwicklung hierbei in Grenzen zu halten, kam ein spezieller Ausblaseschalldämpfer zum Einsatz. Für Außenstehende erkennbar war der Prozess durch die stundenweise Bildung dicker Wasserdampfschwaden, die sich über dem Kraftwerksbau in der Umgebungsluft auflösten.

Wie geplant startete der „heiße Probetrieb“ der ersten neuen Gasturbinen-Kessel-Kombination Mitte Dezember 2020, und er kam erfolgreich und pünktlich noch vor Jahresende zum Abschluss. Der „heiße Probetrieb“ der zweiten Gasturbinen-Kessel-Kombination wird seit Wiederaufnahme der Bauarbeiten Anfang Januar vorbereitet. Das „Auskochen“ und „Ausblasen“ des zweiten Abhitzekessels ist für Februar vorgesehen.

Hintergrund für die ISW-Großinvestition in das GuD-Kraftwerk mit einem Volumen von rund 90 Millionen Euro ist die Erzielung einer weitestgehend autarken Strom- und Energieversorgung für die rund 75 Standortfirmen im Industriepark. Ein gewichtiger Treiber hierfür ist die Erwartung maximaler Energie-Sicherheit und Stabilität der Versorgungsnetze. Für den Produktionsbetrieb im Industriepark wie auch für seine bestmögliche Umweltbilanz ist dies essenziell. Der aktuelle Fremdstromanteil des im Wiesbadener Industriepark benötigten Stroms liegt noch bei rund zwei Dritteln des Gesamtbedarfes (ca. 420 GWh). Mit dem neuen GuD-Kraftwerk wird der Fremdstrombedarf übers Jahr betrachtet stark zurückgehen. Zeitweise wird es aller Voraussicht nach sogar möglich sein, überschüssig produzierten Strom in das dem Industriepark vorgelagerte Stromnetz einzuspeisen.

Bei der Realisierung des Kraftwerksprojektes setzt Infraserv Wiesbaden auch auf verbesserte Nachhaltigkeit. Der nach dem Prinzip einer Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) arbeitende Kraftwerkskomplex wird einen durchschnittlichen Energieausnutzungsgrad von über 80 Prozent erreichen. Das GuD-Kraftwerk gilt damit als hocheffizient und als eine auch von staatlicher Seite anerkannte Brückentechnologie zur nachhaltigen Energieversorgung ohne Kohle und Kernkraft.