Interview: Effizienzsteigerung in der Chemieproduktion mit sicherer Temperaturmesstechnik

„Hier stimmt die Chemie“: Chem-Talk mit Tobias Achenbach, Emerson Automation Solutions

Tobias Achenbach von Emerson Automation Solutions

Chemieunternehmen leitet der Anspruch, stetig ihre Effizienz zu steigern. Mit zunehmendem Automatisierungsgrad steigen aber auch die Sicherheitsanforderungen. chemieproduktion-online.de sprach mit dem Experten für Temperaturmessung Tobias Achenbach, Produktmanager bei Emerson Automation Solutions, über hochpräzise Messsysteme, die ohne Störung in bestehende Prozesse integriert werden, sowie gedrehte Schutzrohre, die durch ihr patentiertes Design enormen Prozessbelastungen in der Chemieproduktion standhalten und dabei die Standardisierung erhöhen. Zudem erfahren Sie, an welcher Stelle diese Systeme in der Praxis eingesetzt werden und warum das spannende Thema einen auch in der Freizeit nicht loslässt. 

chemieproduktion-online.de: Herr Achenbach, seit mehr als zehn Jahren widmen Sie Ihr ganzes berufliches Engagement dem weiten Feld der Temperaturmesstechnik. Bei Emerson Automation Solutions beraten Sie die Kunden zum Beispiel über Möglichkeiten, die Kosten im gesamten Lebenszyklus durch intelligente, vernetzte Lösungen zu senken. Sind diese universell einsetzbar oder haben Sie spezielle Zielbranchen für „Ihre“ Temperaturmesstechnik im Fokus?

Wir verstehen uns als Komplettanbieter. Kunden können bei uns ein vollständiges System bestehend aus einem Temperatursensor, Schutzrohr sowie einem Messumformer fertig montiert bekommen. Aufgrund unseres abgestuften Portfolios sowie einer hohen Technifizierungs- und Zulassungstiefe sind unsere Produkte grundsätzlich für alle Branchen der Prozessindustrie einsetzbar. Dennoch sprechen wir mit unseren Lösungen gerade schwierige Prozesse mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit und vor allem auch Flexibilität an. Das ist besonders in der chemischen Industrie sehr wichtig. Um die Wünsche und Herausforderungen der Anwender direkt in unsere Produkte einfließen zu lassen, arbeiten wir sehr eng mit unseren Kunden aus der Chemieindustrie zusammen.

chemieproduktion-online.de: Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen in der chemischen Produktion dabei konkret?

Der Anspruch, immer effizienter zu werden, lässt den Automatisierungsgrad stetig steigen. Damit nehmen auch die Herausforderungen an die Prozesse einer Chemieanlage stark zu. Gleichzeitig wachsen auch die Anforderungen an die eingesetzte Messtechnik. Auf diesen Trend haben wir schon vor einigen Jahren reagiert und unser kabelloses Wireless Hart-Portfolio stark erweitert. Das ist ein Industriestandard, mit dem die Anwender ihre Anlagen einfach und kostengünstig nachrüsten oder erweitern können. Hier wird der Einsatz von zusätzlichen Leitungen, Verteilerkästen und Spannungsversorgung vermieden.
Durch die gestiegene Effizienz der Anlagen wird auch das Thema Sicherheit immer wichtiger. Es bedarf hier neuer ausgefeilter Konzepte. Auch dafür eignen sich die Emerson Wireless Hart-Lösungen. So lassen sich beispielsweise ohne großen Aufwand wichtige Assets wie Wärmetauscher oder Pumpen in Echtzeit überwachen. Auch die X-Well-Technologie, eine kompensierte Clamp on-Temperaturlösung, leistet einen großen Beitrag zur Sicherheit. Die genaue Prozesstemperatur wird im bestehenden Rohrleitungssystem mit einer kompensierten Aufschnall-Lösung auf der Rohroberfläche gemessen. Der Anwender muss also nicht mehr in seinen Prozess eingreifen, es ist kein zusätzliches Schutzrohr nötig. Dies geschieht ohne Störung im Prozess, denn ein direkter Eingriff würde immer ein Sicherheitsrisiko darstellen.

chemieproduktion-online.de: Temperaturmesstechnik ist ein breites Feld. Was macht die Emerson-Produkte für den Einsatz in der Chemieproduktion so besonders?

Für die Temperaturmessung in schwierigen Prozessen unter anspruchsvollen Einsatzbedingungen und Medien haben wir neben der erwähnten X-Well-Technologie auch unsere gedrehten Schutzrohre Twisted Square entwickelt. Wenn aufgrund von Prozessanforderungen ein Schutzrohr zum Einsatz kommen muss, lässt sich mit dem gedrehten Schutzrohr eine höhere Verfügbarkeit erreichen. Die Besonderheit liegt im einzigartigen, patentierten Design: Das in sich gedrehte Rohr kann auch dort eingesetzt werden, wo normale Schutzrohre aufgrund zu großer Kräfte versagen. Durch die Drehungen werden diese Kräfte beispielsweise aus hohen Fließgeschwindigkeiten reduziert, und das Schutzrohr hält den hohen Belastungen stand. Das Besondere: Die Kunden benötigen für eine Vielzahl von Anwendungsfelder und Prozesse nur noch einen Schutzrohr-Typ statt mehrerer unterschiedlicher Ausführungen. Das Design ermöglicht so einen höheren Standardisierungsgrad, der sich auch positiv auf die Lagerhaltung auswirkt.

chemieproduktion-online.de: 2017 haben Sie die Erweiterung der Rosemount X-Well-Technologie für die Oberflächentemperaturmessung vorgestellt. Wie kommen die Produkte bei Kunden in der Industrie an? Können Sie uns Einsatzbeispiele aus der Praxis nennen?

Wie bei allen neuen Technologien hat es ein wenig gedauert, bis unser System im Markt angekommen ist. Seit ein bis zwei Jahren merken wir einen spürbaren Anstieg des Interesses, vor allem aus der Chemieindustrie. Durch unsere enge Zusammenarbeit mit der Branche konnten wir mit gezielten Erweiterungen das Produkt für die Anwender immer weiter verbessern.

So wird die X-Well-Technologie beispielsweise in einem im Süden Deutschlands gelegenen Chemiewerk bei Hochdruck-Rohrleitungen eingesetzt, bei denen es ein hohes Sicherheitsrisiko darstellen würde, nachträglich intrusive Temperaturmessung anzubringen.
In einem anderen großen Chemiewerk in Deutschland werden zum Beispiel wichtige Anlagenkomponenten wie die Wärmetauscher kontinuierlich mit unserem System überwacht, einfach und ohne großen Aufwand. Durch die Temperaturprüfung am Ein- und Auslass kann das Temperaturdelta als wichtige Kenngröße ermittelt werden. So lassen sich Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Wärmetauschers ziehen. Kostenintensive ungeplante Ausfälle werden damit vermieden. Ein Pluspunkt ist hier die schnelle und unkomplizierte Inbetriebnahme. Fünf Wärmetauscher konnten innerhalb weniger Stunden komplett ausgerüstet werden. Schon nach wenigen Minuten haben die X-Well-Temperatursensoren Messdaten aufgezeichnet und ausgeliefert.

chemieproduktion-online.de: Herr Achenbach, zum Abschluss gestatten Sie uns eine persönliche Frage: Geht die berufliche Leidenschaft für Temperaturmessung spurlos an Ihrem Privatleben vorbei oder hat sich daraus ein Hobby entwickelt?

Ich muss gestehen, dass mein Faible für Messtechnik mich auch privat beschäftigt. Wenn ich als Beifahrer mit dem Auto unterwegs bin, halte ich ständig Ausschau nach Chemiewerken oder anderen Prozessindustrieanlagen entlang der Autobahn. Habe ich eine entdeckt, schärft sich der Blick dann sofort, welche Temperaturmesslösung an der Rohrleitung oder dem Reaktor zum Einsatz kommt. Meine Frau oder Freunde müssen sich dann öfters anhören, welcher Emerson-Sensor dort wieder verbaut ist. Das sehe ich sofort an der Farbe und kann meistens sogar die exakte Modellbezeichnung noch dazu liefern - sehr zur Freude meiner Mitfahrenden!

Auch im privaten Umfeld habe ich alle Assets wie zum Beispiel meinen Gasgrill mit einer zusätzlichen speziellen Temperaturüberwachung ausgestattet, so dass ich auch in meinem Haushalt effizient unterwegs bin.

Herr Achenbach, vielen Dank für unser interessantes Gespräch!

Über Tobias Achenbach, Produktmanager Temperaturmesstechnik bei Emerson

Tobias Achenbach befasst sich seit über zehn Jahren intensiv mit dem Thema Temperturmesstechnik. Eine seiner beruflichen Stationen beinhaltete die stellvertretende Leitung eines akkreditierten Kalibrierlabors (DAkkS) für Temperaturmesstechnik. Tobias Achenbach arbeitet seit fünf Jahren bei Emerson, zuerst als Vertriebsingenieur und dann als Produktmanager für die Temperaturmesstechnik und ist in seiner Funktion für die Regionen Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig.