Interview: Digitalisierung bietet mehr Sicherheit und Produktionseffizienz in der Chemieindustrie

„Hier stimmt die Chemie“: Chem-Talk mit Stephan Sagebiel von Phoenix Contact zur Namur-Hauptversammlung 2019

Stephan Sagebiel, Leiter Industrie Management für Prozess- und Verfahrenstechnik bei Phoenix Contact

Auf der diesjährigen Namur-Hauptversammlung wird Phoenix Contact als Hauptsponsor das Thema Konnektivität für die Prozessindustrie in den Fokus rücken. Stephan Sagebiel, Leiter Industrie Management für Prozess- und Verfahrenstechnik, sprach mit Susanne Woggon von chemieproduktion-online.de über die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung, die in der Chemieindustrie für mehr Sicherheit und Effizienz im Produktionsprozess sorgen, ohne diesen direkt zu beeinflussen. Auch hat er vorab konkrete Fallbeispiele vorgestellt, die auf der Veranstaltung im November 2019 näher beleuchtet werden.

2) chemieproduktion-online.de: Vergleichsweise gilt die Chemieindustrie als eher konservative und beständige Branche mit allen Vor- und Nachteilen. Das Zusammentreffen von Prozessautomatisierung mit der digitalen Transformation ist daher besonders spannend zu beobachten. Welche Lösungen bietet Phoenix Contact in diesem Zusammenhang?

Wenn man sich vor ein paar Jahren mit prozesstechnischen Entscheidern unterhalten hat, fand auf der Betreiberseite keine Differenzierung statt. Die Unternehmen haben ein Problem, wie z.B. die Überwachung von Motoren betrachtet und dann das Lastenheft für hochverfügbare IOs gezogen. Sollen die Motoren aber nur überwacht werden, ist es nicht prozessentscheidend, ob diese Überwachung hochgenau ist oder gar funktioniert. Die Anlage läuft immer noch weiter. Die ganzen Standards in der Prozessindustrie basieren auf Hochverfügbarkeit, Redundanzen und extremen Einsatzbereichen. Die Komponenten sind deshalb teuer. Dieser Preis schlägt sich in den Standards nieder. Das Verständnis der Chemieindustrie, dass sie langsam abgehängt wird von den Möglichkeiten der Digitalisierung, ist in den letzten fünf Jahren erheblich gewachsen.

Wir können heute problemlos Produkte nutzen, die ursprünglich nur für den Infrastruktur- oder Gebäudeautomationsbereich konzipiert waren. So lassen sich den Betreibern in der Prozesstechnik deutlich günstiger Angebote unterbreiten. Technologien aus anderen Bereichen können lediglich ihren Sinn und Zweck erfüllen. Monitoring erfordert keine Redundanz. Es braucht ein neues Bewusstsein, dass manche Dinge bei Überwachungsapplikationen eben nicht nach der althergebrachten Facette mit Hochverfügbarkeit, prozesstypischem Bussystem etc. ausgelegt werden müssen.

Ein weiterer Aspekt: Die Leittechnik ist mit Systemen der typischen Anbieter sehr geschlossen. Wenn neue Technologien eingebracht werden sollen, ist man dadurch stark limitiert. Mit den „PLCnext-Controllern“ kann Phoenix Contact die alte Welt der SPSen und Leittechnik mit neuen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters verbinden. Das geschieht an einer Stelle im Prozess, wo die Verfügbarkeit der Anlagen nicht gefährdet wird. Das System erlangt auf diese Weise noch mehr Unabhängigkeit von menschlichen Entscheidungen und Handlungen. Ausfallzeiten werden stärker minimiert. Beispielsweise lassen sich über ein nachträgliches Überwachen von Motorströmen Rückschlüsse auf Probleme mit der Pumpe, dem Getriebe oder Produktionsprozess ziehen, was frühzeitiges Handeln ermöglicht.

3) chemieproduktion-online.de: Inwieweit spielt die Namur Open Architecture dabei eine Rolle?

Mit Einführung des NOA-Konzepts wurde die Tür für neue Ideen geöffnet. Beispielsweise kann nun ein Controller von Phoenix Contact verwendet werden, der Signalerfassung und Übersetzungsleistungen von der Feldebene in die digitale Welt bringt. Diese Konnektivität erlaubt IT-Plattformen, die Abbildung von Use Cases auch für Betreiber von Bestandsanlagen. Jeglicher Zugriff auf die Fertigungsanlage erfolgt rückwirkungsfrei, sodass die Anlage nicht aus Versehen stillsteht. Wir unterliegen nicht mehr den Hürden einer starren Leittechnik, sondern haben eine komplett offene Steuerungsplattform. Es lässt sich alles anbinden – egal, um was es sich handelt. Genau das möchte die Namur.

Es gibt ebenfalls einen demografischen Grund. Die Betreiber bekommen auf dem Arbeitsmarkt nicht viele junge Leute für ihre Anlagen, die das neue digitale Wissen mitbringen. Das ist ein großes Problem. Auf der anderen Seite muss die bestehende Belegschaft auf die Reise der Digitalisierung mitgenommen werden. Hier tritt ein Übersetzungsproblem auf. Es entsteht eine Lücke zwischen der alten Weise, Anlagen zu automatisieren und der neuen Art, alles aus dem Internet zu holen. Offene Plattformen schließen diese Lücke und lassen alle - Junge wie Alte – in einem System arbeiten, das von beiden Seiten bedient werden kann. Auf der Namur-Hauptsitzung stellen wir an plakativen Beispielen unser Ecosystem PLCnext im Einsatz vor.

Hier erhalten Sie einen Ausblick auf die Workshops der Namur Hauptversammlung 2019